PENG GUANGQIAN

Der Diplomatie eine Chance geben

Chinas Kultur existiert ununterbrochen seit 5000 Jahren, was einzigartig ist in der Weltgeschichte, und das chinesische Wort „He“, die Bezeichnung für Frieden, Versöhnung und Harmonie, gilt als eine ihrer Leitideen. Die Erhaltung guter Nachbarschaftsbeziehungen war stets vorrangig, und über militärische Gewalt haben Strategen schon früh tiefgründige, zur Zurückhaltung mahnende Ueberlegungen angestellt, die freilich den Waffeneinsatz nie ausschlossen. So schrieb etwa Sunzi vor mehr als 2000 Jahren: „Die Kunst des Krieges ist für den Staat von entscheidender Bedeutung. Sie ist eine Angelegenheit von Leben und Tod, ein Weg, der zur Sicherheit oder in den Untergang führt. Deshalb darf sie unter keinen Umständen vernachlässigt werden.“ Militär und Krieg sind eng mit der Existenz des Staates und des Volkes verbunden, weshalb wir vorsichtig mit ihnen umgehen müssen. Interessanterweise besteht das chinesische Schriftzeichen für Gewalt, Waffen und militärische Ausrüstung „Wu“ aus zwei Elementen, die für sich allein „stoppen“ und „Waffen“ bedeuten. Aus chinesischer Sicht sollen also Militär und Waffen helfen, Kriege zu stoppen oder überhaupt zu verhindern. In ähnlicher Weise hat sich der chinesische Philosoph Laozi geäussert: „Soldaten und Waffen sind die letzte Wahl, wenn es keinen anderen Weg gibt.“ Und die berühmte Grosse Mauer, die historisch stets der Abwehr diente, widerspiegelt noch heute mit majestätischer Wucht dieses strategische Denken vom Vorrang der Verteidigung, bei dem Angriff immer nur der „letzte Ausweg“ ist.

Im Westen stehen sich die beiden strategischen Denkschulen der „Realisten“ und der „Idealisten“ gegenüber, wobei die „Realisten“ auf militärische Stärke setzen, um letztlich den Kontrahenten, dem grundsätzlich nie zu vertrauen ist, niederringen zu können. Meiner Meinung nach ist das grösste Problem der „Realisten“, dass sie die Realität nicht sehen. Heute gibt es zwei grosse Realitäten, die man früher nicht gekannt hat. Die erste grosse Realität ist die voranschreitende Globalisierung, die die verschiedenen Länder vernetzt und zunehmend voneinander abhängig macht. Wer in einer solchen globalen Schicksalsgemeinschaft den Interessen anderer schadet, schadet seinen eigenen Interessen. Die zweite grosse Realität ist, dass durch die wissenschaftliche und technologische Entwicklung Waffensysteme entstanden sind, die die herkömmlichen Kriegsziele weit zu übertreffen vermögen. Nukleare, biologische und chemische Massenvernichtungswaffen können heute die Menschheit gemäss wissenschaftlichen Simulationsmodellen bereits mehr als 60 Mal eliminieren, wenn doch ein einziges Mal schon apokalyptisch ist. Für unsere Welt gibt es daher nur die Option des Dialogs und der Vertrauen bildenden Zusammenarbeit, statt der Bedrohungen, der strategischen Eindämmung oder des Angriffs.

Aufschlussreich ist im übrigen ein Blick in die Geschichte. Vor 600 Jahren – fast 100 Jahre vor Kolumbus also – unternahm der grosse Seefahrer und Admiral Zheng He mit riesigen Flotten von über 200 Schiffen mit mehr als 20‘000 Mann Besatzung 7 ausgedehnte Expeditionen, die ihn bis an die Ostküste Afrikas führten. Die chinesischen Seestreitkräfte hatten damals eine Vormachtstellung auf der Welt vergleichbar mit den USA heute mit ihren Flugzeugträgerkampfgruppen. Aber ZHENG He war niemals darauf aus, andere anzugreifen oder Länder mit Gewalt zu besetzen und Kolonien zu gründen, vielmehr brachte er, auf diplomatischer Mission sozusagen, Porzellan, Tee und Seide.

In den letzten 200 Jahren, im Niedergang der Qing-Dynastie, erlitt China dagegen eine Periode der Demütigungen, der Armut und der Rückständigkeit, weshalb es heute unser grösstes Ziel ist, China wieder zu beleben, den nationalen Wohlstand wieder herzustellen und ein blühendes Volk mit glücklichen Menschen zu werden. Und von einer „Rückkehr in den Pazifik“ kann im Uebrigen keine Rede sein; China war schon immer eine Nation im pazifischen Raum. Heute geht es darum, Frieden und Stabilität zu sichern und den Pazifik in ein wirkliches Friedensmeer zu verwandeln. Anzumerken ist hier, dass die chinesische Regierung längst vor dem internationalen Seerechtsübereinkommen von 1994 bereits am 4. September 1958 eine Erklärung über die Nutzung der 12 nautischen Meilen-Küstengewässer verabschiedet hat, ohne dass es damals Einwände von anderen Pazifik-Anrainern gegeben hätte. Die vietnamesische Regierung hat diese Erklärung sogar ausdrücklich und öffentlich gut geheissen, und auf amtlichen Karten sowie in Schulbüchern waren die Spratly- und Paracel-Inseln als chinesisches Territorium eingetragen.

Die Unterzeichnung des Seerechtsübereinkommens von 1994 hat dann jedoch zu einer Welle neuer Ansprüche und Aufteilungsforderungen geführt, zumal im südchinesischen Meer grosse Reserven an Oel und Gas entdeckt wurden, die mit moderner Technologie erschlossen werden können. Aber da gilt es nun ein Missverständnis zu klären: Das Seerechtsabkommen regelt nicht die territorialen Grenzen neu, sondern bestimmt lediglich die Nutzung der Küstengewässer. Eine Insel im südchinesischen Meer hat also nicht plötzlich eigene Küstengewässer.

Die Idee einer gemeinsamen Nutzung der Oel- und Gasreserven könnte das Problem entschärfen, allerdings unter der Voraussetzung der unveränderbaren territorialen Souveränität. Schon Deng Xiaoping hat auf die Möglichkeit hingewiesen, bei kontroversen Fragen ein besonders heikles Thema vorerst beiseite zu schieben und es zu einem späteren Zeitpunkt einer einvernehmlichen Lösung zuzuführen. In diesem Geist haben China und die ASEAN-Länder in einer Erklärung vom 4. November 2002 bekräftigt, dass alles unternommen werden soll, um im südchinesischen Meer Frieden und Stabilität zu gewährleisten.

Peng Guangqian - major general in the People's Liberation Army and a strategist for China's Academy of Military Science

 

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